Sensationeller Fund für die Heimbach-Weiser "Fassenacht"
Beim Ordnen von Papieren im Haushalt seiner verstorbenen Schwiegermutter Franziska Fink stieß Richard Neckenig im Januar 2002 auf ein historisches Schriftstück, das ihn sehr verwunderte: Ein vergilbtes Blatt in Folio-Format (etwas größer als Din A 4) und in dunkler Tinte mit "Fasnacht 1827 in Heimbach" überschrieben. Datiert ist es vom 11. Januar des Jahres und nennt 48 Männer, die sich unter dem Wahlspruch "Heimecher Männer on Junge, inz faenggen mir an" anscheinend erstmals zusammenfinden, um Karneval zu feiern bzw. die Feierlichkeiten zu organisieren. Somit ist es das Gründungsdokument der damals ihr 175jähriges Bestehen feiernden Karnevalsgesellschaften von Heimbach und Weis - ein ganz besonderer Schatz und Zeugnis für die Bildung einer der ältesten Karnevalsgesellschaften im Rheinland.
„Außergewöhnlich ist, dass sich hier zum ersten Mal Männer aus einem Dorf trafen, um in einer organisierten Form Fastnacht zu feiern. Bei den bekannten Karnevalshochburgen, in denen sich während der 1820er Jahre Carnevalsvereine konstituierten - wie Köln im Jahre 1823, Koblenz 1824, Düsseldorf 1825 und Bonn 1826 - handelt es sich um Städte, wo sich Männer aus der Oberschicht zusammenfanden, um Karneval zu feiern“ meint Dr. Hildegard Brog, Autorin von „D’r Zoch kütt“, dem Standardwerk über die Geschichte des rheinischen Karnevals.
Sicher resultiert diese frühe Aktion auch aus einem hohen Selbstbewusstsein, das die Kirchspieler, vornehmlich die Heimbacher, an den Tag legten, um sich gegenüber obrigkeitlicher Willkür zur Wehr zu setzen. In langwierigen Prozessen stritten sie seit Jahrhunderten mit der Herrschaft, befestigten ihren Ort mit Mauern und Wällen, übten freies Marktrecht aus und richteten über „Hals, Bauch, Leib und Gut“. Hieran konnten seinerzeit weder die Grafen zu Wied oder Isenburg, noch die Abtei Rommersdorf etwas ändern.
Zurück zum Gründungsdokument. Warum wusste man bis dato nichts von der Existenz dieses Blattes ? Warum ist es nirgends erwähnt ? Fragen über Fragen. Auch altgedienten Vereinskollegen, wie z.B. Jupp Hoffmann, ist das Blatt nicht bekannt. Erinnern kann er sich jedoch daran, dass zu Beginn der 50er Jahre bei Finks auf dem Speicher das hier ruhende historische Archiv der Karnevalsgesellschaft durchforstet wurde, um es woanders unterzubringen.
Jupp Fink, bei dessen Unterlagen man den Zettel fand, war von 1948 bis 1957 Schriftführer im Heimbacher Karnevalsverein. Wahrscheinlich wollte er diesen wichtigen Beleg sicherstellen und unter seinen persönlichen Papieren deponieren, vergaß ihn jedoch über die Jahre, so dass er erst dann, pünktlich zum 175jährigen Geburtstag des Vereins, wiedergefunden wurde. Welch glücklicher Zufall !
Weitere Fragen stehen im Raum: Ist das Dokument echt, stammt es aus dem Jahr 1827 ? Haben die Personen wirklich gelebt, stimmen Vor- und Zuname sowie die Geburtsdaten ?
Dies zu klären bat der damalige Präsident der Heimbacher Karnevalsgesellschaft Jörg Schröder kurzfristig den Historiker Dr. Reinhard Lahr um Recherche. Da dieser die Lebensdaten aller zwischen 1680 und 1880 geborenen Kirchspieler in seinem PC erfasst hat, um sie seinerzeit für wissenschaftliche Zwecke auszuwerten, dürfte es für ihn nicht allzu schwierig sein. Mit detektivischer Akribie prüfte er jede Person und siehe da, bis auf eine Differenz, haben all die genannten Männer wirklich gelebt. Was ihn besonders freut ist: auch drei seiner Ur-Ur-Ur-Großväter sind darunter.
Nun zur Schrift: Die Namen sind nicht in deutschen, sondern lateinischen Lettern geschrieben, bei Eigennamen nichts ungewöhnliches. Manche Buchstaben sind verwackelt, künden also von einer gewissen Unbeholfenheit des Schreibers. "Ganz typisch für das Schriftbild der Menschen in damaliger Zeit, die nicht - wie wir heute - tagtäglich mit Texten zu tun haben", bestätigt auch Dr. Hans-Jürgen Krüger, Archivar der fürstlich-wiedischen Bestände. Keine Frage, die Liste ist authentisch.
Wofür sie allerdings erstellt wurde, bleibt fraglich. Vielleicht zur Vorlage für die Ordnungspolizei, um das Maskentreiben auf der Straße und in Sälen anzukündigen. Deshalb auch die Nennung der Jahrgänge, jünger als 19 Jahre durfte man damals sicher nicht sein, um feucht fröhlich die "Fassenacht" zu feiern. Der Älteste - ein Johann Hoffmann - ist 1776 geboren, der Jüngste - ein Jacob Burger aus Gladbach - im Jahre 1807. Ihr Durchschnittsalter liegt bei etwa 29 Jahren. Unter ihnen sind 28 Ehemänner und 20 Junggesellen, wovon damals 36 in Heimbach wohnten, 8 in Gladbach und 4 in Weis. Die meisten waren Landwirte, einige mit gewerblichem Nebenerwerb, darunter auch drei Gastwirte. An Handwerkern werden genannt: 3 Bäcker, 1 Krämer, 1 Lohgerber, 1 Schneider, 1 Schreiner, 2 Schuster, 1 Zimmermann. Schließlich sind auch 6 Tagelöhner darunter.
Schließlich bleibt zu fragen, wo man den Schrieb an diesem 11. Januar, einem Donnerstag, aufsetzte. Sicher in einem Gasthaus. Einer der genannten Wirte ist Michael Ebert. Er hatte sein Lokal gegenüber der Kirche (später war hier ein Lebensmittelgeschäft, heute ist hier eine Fahrschule untergebracht). Da dies der größte und zentralste Gasthof vor Ort war, liegt es nahe, dass man sich hier traf, um den Karneval in Heimbach-Weis einzuläuten.
Unterschriften der Gründungsmitglieder
Gründungsdokoment
Zuordnung der Unterschriften
Bemb, Johann, geb. 24.10.1803, gest. 10.09.1865, damals 23 Jahre alt
Müller und Landwirt
damals noch ledig, in Heimbach wohnhaft
Billig, Johann, geb. 15.12.1788, gest. 03.12.1869, damals 38 Jahre alt
Landwirt
verheiratet, in Heimbach wohnhaft
Burger, Jacob, geb. 26.07.1807, gest. 30.11.1854, damals 19 Jahre alt
Landwirt und Tagelöhner
damals noch ledig, in Gladbach wohnhaft
Caratiola, Johann, geb. 05.03.1799, gest. 06.03.1861, damals 27 Jahre alt
Tagelöhner
verheiratet, in Gladbach wohnhaft, aus Heimbach stammend
Ebert, Johann, geb. 06.07.1805, gest. 23.08.1871, damals 21 Jahre alt
Landwirt und Tagelöhner
ledig, in Heimbach wohnhaft
Ebert, Johann, geb. 15.10.1791, gest. 09.07.1865, damals 35 Jahre alt
Landwirt
verheiratet, in Heimbach wohnhaft
Ebert, Michael, geb. 27.09.1795, gest. 31.07.1865, damals 31 Jahre alt
Landwirt und Gastwirt
verheiratet, in Heimbach wohnhaft
Engel, Johann, geb. 14.03.1801, gest. 31.01.1840, damals 25 Jahre alt
Landwirt, Tüncher und Tagelöhner
verheiratet, in Gladbach wohnhaft, auch aus Gladbach stammend
Esch, Johann, geb. 02.07.1794, gest. 26.06.1885, damals 32 Jahre alt
Landwirt
verheiratet, in Heimbach wohnhaft
Esch, Peter, geb. 19.08.1797, gest. 03.03.1863, damals 29 Jahre alt
Landwirt
verheiratet, in Heimbach wohnhaft
Fergen, Johann, geb. 00.00.1785, gest. 13.08.1869, damals 41 Jahre alt
Landwirt
verheiratet, in Gladbach wohnhaft, auch aus Gladbach stammend
Fink, Jacob, geb. 23.05.1788, gest. 20.06.1832, damals 38 Jahre alt
Landwirt
verheiratet, in Heimbach wohnhaft, aus Weis stammend
Gilberg, Wilhelm, geb. 10.09.1802, gest. ?, damals 24 Jahre alt
Bäcker und Landwirt
damals noch ledig, in Heimbach wohnhaft
Hamm, Johann, geb. 18.11.1802, gest. 17.03.1890, damals 24 Jahre alt
Landwirt
damals noch ledig, in Heimbach wohnhaft
Heimbach, Jacob, geb. 01.06.1801, gest. 23.10.1879, damals 25 Jahre alt
Landwirt, Tagelöhner, Hüttenarbeiter und Tüncher
damals noch ledig, in Weis wohnhaft, auch aus Weis stammend
Hehn, Jacob, geb. 02.09.1803, gest. ?, damals 23 Jahre alt
Landwirt
ledig, in Heimbach wohnhaft
Herschbach, Johann, geb. 13.06.1799, gest. 14.11.1861, damals 27 Jahre alt
Landwirt
damals noch ledig, in Heimbach wohnhaft
Heuboth, Heinrich, geb. 17.01.1805, gest. 01.03.1850, damals 21 Jahre alt
Landwirt
damals noch ledig, in Heimbach wohnhaft
Hillen, Wilhelm, geb. 06.02.1802, gest. 07.11.1861, damals 24 Jahre alt
Landwirt und Schreiner
damals noch ledig, in Heimbach wohnhaft
Hillen, Johann, geb. 13.07.1799, gest. 21.03.1835, damals 27 Jahre alt
Landwirt und Gastwirt
verheiratet, in Gladbach wohnhaft, aus Heimbach stammend
Hillenbrand, Andreas, geb. 25.02.1805, gest. 29.01.1858, damals 21 Jahre alt
Bäcker
damals noch ledig, in Gladbach wohnhaft
Hisgen, Wilhelm, geb. 28.09.1783, gest. 18.08.1857, damals 43 Jahre alt
Landwirt und Schuster
verheiratet, in Heimbach wohnhaft
Hoefer, Wilhelm, geb. 27.08.1792, gest. 21.03.1863, damals 34 Jahre alt
Lohgerber
verheiratet, in Weis wohnhaft, aus Heimbach stammend
Hoefer, Johann, geb. 04.02.1795, gest. 18.02.1867, damals 31 Jahre alt
Tagelöhner
verheiratet, in Weis wohnhaft, aus Heimbach stammend
Hofmann, Franz Joseph, geb. 00.00.1790, gest. 25.03.1829, damals 36 Jahre alt
Gastwirt und Landwirt
verheiratet, in Heimbach wohnhaft
Hofmann, Johann, geb. 29.10.1776, gest. 12.03.1855, damals 50 Jahre alt
Landwirt
verheiratet, in Heimbach wohnhaft
Hunsaenger, Hubert, geb. 00.00.1795, gest. 04.11.1839, damals 31 Jahre alt
Krämer
verheiratet, in Heimbach wohnhaft
Kern, Peter, geb. 25.07.1788, gest. 24.09.1876, damals 38 Jahre alt
Landwirt
verheiratet, in Heimbach wohnhaft
Kierst, Jacob, geb. 30.06.1806, gest. 14.08.1853, damals 20 Jahre alt
Tagelöhner
damals noch ledig, in Heimbach wohnhaft
Koever, Johann, geb. 28.11.1791, gest. 10.11.1871, damals 35 Jahre alt
Tagelöhner
verheiratet, in Heimbach wohnhaft
Kladek, Jacob, geb. 24.11.1799, gest. 03.01.1858, damals 27 Jahre alt
Tagelöhner
verheiratet, in Heimbach wohnhaft
Kohl, Johann, geb. 29.11.1792, gest. 21.02.1836, damals 34 Jahre alt
Landwirt
verheiratet, in Heimbach wohnhaft
Lahr, Jacob, geb. 30.12.1789, gest. 10.10.1851, damals 37 Jahre alt
Landwirt
verheiratet, in Heimbach wohnhaft
Maternus, Peter, geb. 27.02.1800, gest. 24.08.1868, damals 26 Jahre alt
Landwirt
damals noch ledig, in Heimbach wohnhaft
Maxein, Jacob, geb. 29.01.1806 (1805 ?), gest. 03.01.1881, damals 20 Jahre alt
Zimmermann und Tagelöhner
damals noch ledig, in Heimbach wohnhaft
Meffert, Johann, geb. 14.03.1798, gest. 08.12.1876, damals 28 Jahre alt
Bäcker
verheiratet, in Gladbach wohnhaft, aus Heimbach stammend
Nink, Johann, geb. 02.04.1795, gest. 06.07.1881, damals 31 Jahre alt
Landwirt
verheiratet, in Gladbach wohnhaft, auch aus Gladbach stammend
Nink, Peter, geb. 15.06.1801, gest. 19.09.1843, damals 25 Jahre alt
Landwirt
damals noch ledig, in Heimbach wohnhaft
Oberdries, Caspar, geb. 20.08.1796, gest. 21.12.1871, damals 30 Jahre alt
Tagelöhner
verheiratet, in Weis wohnhaft, aus Heimbach stammend
Rosbach, Jacob, geb. 31.10.1805, gest. 25.09.1847, damals 21 Jahre alt
Landwirt
damals noch ledig, in Heimbach wohnhaft
Schlei, Johann, geb. 07.03.1795, gest. 00.00.1881, damals 31 Jahre alt
Schneider und Tagelöhner
verheiratet, in Heimbach wohnhaft
Wolf, Wilhelm, geb. 16.01.1807, gest. 25.11.1863, damals 19 Jahre alt
Schuster
damals noch ledig, in Heimbach wohnhaft
Winnen, Caspar, geb. 15.08.1806, gest. 05.03.1874, damals 20 Jahre alt
Landwirt und Fuhrmann
damals noch ledig, in Heimbach wohnhaft
Weinand, Johann, geb. 04.08.1805, gest. 06.08.1890, damals 21 Jahre alt
Landwirt
damals noch ledig, in Heimbach wohnhaft
Wagner, Simon, geb. 28.10.1793, gest. 19.04.1859, damals 33 Jahre alt
Landwirt
verheiratet, in Heimbach wohnhaft
Simonis, Jacob, geb. 30.12.1795, gest. 30.01.1882, damals 31 Jahre alt
Landwirt
verheiratet, in Heimbach wohnhaft
Schroeder, Simon, geb. 29.03.1798 (1795 ?), gest. 06.10.1861, damals 28 Jahre alt
Landwirt
verheiratet, in Heimbach wohnhaft
oder
Schroeder, Simon, geb. 29.09.1799 (1795 ?), gest. 06.04.1840, damals 27 Jahre alt
Landwirt
damals noch ledig, in Heimbach wohnhaft
Schmitt, Johann Jacob, geb. 15.12.1804, gest. 25.04.1851, damals 22 Jahre alt
Landwirt
damals noch ledig, in Heimbach wohnhaft
Heimecher Maenner
on Junge -
inz faenggen mir an !
(hochdeutsch: Heimbacher Männer und Jungen, jetzt fangen wir an !)
(Donnerstag) 11. Januar 1827
Hierbei handelt es sich um das älteste Beleg der KG Heimbach, eine Liste der im Jahre 1827 Fastnacht feiernden Heimbacher.
Zum Datum: 11.01.1827
Früher begann die Karnevalssession - anders als heute - am 11. Januar.
Der 11. November wurde erst im 20. Jh. gefeiert.
Aufgeführt sind 48 Gründungsmitglieder, davon 28 Ehemänner und 20 Junggesellen
wovon damals 36 in Heimbach wohnten, 8 in Gladbach und 4 in Weis.
Der jüngste zählt 19 Jahre, der älteste 50, das mittlere Alter beträgt etwa 29 Jahre.
Die meisten Männer waren Landwirte, einige mit gewerblichem Nebenerwerb, darunter auch drei Gastwirte. An Handwerkern werden genannt: 3 Bäcker, 1 Krämer, 1 Lohgerber, 1 Schneider, 1 Schreiner, 2 Schuster, 1 Zimmermann. Schließlich sind auch 6 reine Tagelöhner darunter.
Ein besonderes Dankeschön gilt Ute und Richard Neckenig, die das Schriftstück unter den privaten Papieren von Frau Neckenigs Eltern, Franziska und Josef Fink fanden,
Jupp Fink war lange Jahre Schriftführer der KG Heimbach